Mehr als zwei Jahrhunderte gehörten die Klingelmänner zum Leben in Wyk. Mit ihrer Glocke zogen sie durch die Straßen, verbreiteten Neuigkeiten und wurden selbst zu unverwechselbaren Inseloriginalen. Mit Knudt Kloborg lebte die fast verschwundene Tradition noch einmal auf. Heute erinnert eine Gedenktafel an ihre Geschichte.

Ein paar kräftige Schläge mit der Glocke – und schon wussten die Menschen in Wyk: Es gibt etwas zu erfahren. Türen öffneten sich, Bewohner traten vor ihre Häuser, Passanten blieben stehen. Vielleicht war ein Schiff mit Äpfeln aus dem Alten Land angekommen. Vielleicht gab es frische Schollen am Hafen, eine Veranstaltung stand bevor oder eine amtliche Mitteilung musste bekannt gemacht werden.

Was heute innerhalb von Sekunden auf dem Smartphone erscheint, brauchte früher eine kräftige Stimme, eine Glocke – und einen Mann, der durch die Straßen zog.

Mehr als 200 Jahre reicht die Geschichte der Wyker Klingelmänner zurück. Und sie erzählt von einer Zeit, in der Nachrichten noch von Mensch zu Mensch weitergegeben wurden und man sich an Straßenecken versammelte, um zu erfahren, was es Neues gab.

Nachrichten auf zwei Beinen

Lange bevor Telefon, Radio oder Internet Einzug in den Alltag hielten, mussten Informationen auf anderen Wegen zu den Menschen gelangen. In Wyk kam dem Gemeindediener zusätzlich die Aufgabe des Klingelmannes zu. An bestimmten Straßenecken machte er mit seiner Handglocke auf sich aufmerksam. Hatten sich genügend Menschen versammelt, wurde die Nachricht verkündet.

Dabei blieb es längst nicht bei amtlichen Bekanntmachungen. Die Klingelmänner kündigten Theateraufführungen und Kinovorstellungen an, informierten über Fundsachen oder verbreiteten Neuigkeiten aus dem Hafen.

Gerade diese kleinen Meldungen lassen das damalige Wyk heute wieder lebendig werden. Waren frische Schollen eingetroffen, erfuhren es die Bewohner vom Klingelmann. Im Herbst konnte er verkünden, dass ein Schiff mit Äpfeln aus dem Alten Land angekommen war. Eine Glocke genügte – und die Nachricht machte die Runde.

Wyker Originale

Über die Jahrzehnte übernahmen verschiedene Männer diese Aufgabe. Zu den bekannten Klingelmännern gehören Hans Lund, Peter Rieckenberg, Johann Friedrich Ohlsen, Jens „Moos“ Jensen, Marinius Jörgensen, Andreas Hanberg, Carl Carstens, Heinz Wittig und schließlich Knudt Kloborg.

Einige wurden selbst zu bekannten Figuren des Wyker Stadtlebens. Einer von ihnen war Jens Jensen, den viele nur als „Jens Moos“ kannten. Der Fischer stammte ursprünglich von Pellworm und verdankte seinen Beinamen dem Seemoos, das er fischte und das unter anderem zum Füllen von Matratzen verwendet wurde. Später gehörten Jens Moos, sein Fahrrad und seine Glocke fest zum Straßenbild. Unter anderem kündigte er Ausflugsfahrten an. Dieser Artikel erschien zuerst exklusiv bei Dein Sylt / Sylter Spiegel.

Auch Marinius Jörgensen hinterließ Spuren. Als Bäckergeselle kam er aus Apenrade nach Föhr und war später gemeinsam mit seiner Frau als Hausmeister an der Wyker Schule tätig. Als Klingelmann war er auch für seinen Humor und seine hintergründigen Scherze bekannt.

Als ein Nachfolger gesucht wurde, fand sich zunächst niemand. Schließlich übernahm mit Carl Carstens wieder ein Wyker die Aufgabe. Doch die Zeiten hatten sich verändert. Zeitungen wurden aktueller, immer mehr Haushalte besaßen ein Telefon und Nachrichten verbreiteten sich schneller. Die Anlässe für den Klingelmann wurden weniger – und irgendwann verstummte seine Glocke. Dieser Artikel erschien zuerst exklusiv bei Dein Sylt / Sylter Spiegel.

Als die Glocke wieder erklang

Jahrzehnte später kehrte der vertraute Klang zurück. 2009 nahm Knudt Kloborg die alte Tradition wieder auf. Nun ging es nicht mehr darum, Nachrichten mangels anderer Möglichkeiten zu verbreiten. Kloborg machte vielmehr ein Stück Föhrer Geschichte wieder sichtbar und erlebbar.

Mit Glocke und Fahrrad wurde er schnell zu einem vertrauten Bild in Wyk. Für Einheimische war er ein bekanntes Gesicht, für viele Urlaubsgäste eine Begegnung, die in Erinnerung blieb.

Kloborg engagierte sich außerdem ehrenamtlich für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und sammelte über viele Jahre mehrere Tausend Euro für die Seenotretter. In seiner letzten Saison tauschte er das Fahrrad gegen eine restaurierte Schottsche Karre. Dieser Artikel erschien zuerst exklusiv bei Dein Sylt / Sylter Spiegel.

Im September 2023 starb Knudt Kloborg im Alter von 74 Jahren. Wie eng sein Name mit Wyk verbunden war, zeigte sich wenig später bei der Suche nach einem neuen Namen für das Veranstaltungszentrum am Sandwall. Unter den zahlreichen Einsendungen waren auch Vorschläge, die an den letzten Wyker Klingelmann erinnerten.

Ein Platz für die Erinnerung

Nach Kloborgs Tod entstand der Wunsch, die Tradition der Klingelmänner dauerhaft sichtbar zu machen. Zunächst wurde sogar vorgeschlagen, den Bereich am Gezeitenbrunnen in „Platz der Klingelmänner“ umzubenennen. Dazu kam es nicht. Die Idee einer Informationstafel blieb jedoch bestehen.

2026 wurde sie Wirklichkeit. Am Fuß der Mittelbrücke, bei der historischen Schipperbank, erinnert heute eine Gedenktafel an die Wyker Klingelmänner. Bürgermeister Uli Hess enthüllte sie gemeinsam mit Sybille Rotermund und Klaus Pott, die sich in der Stadtvertretung für das Vorhaben eingesetzt hatten.

Der Standort passt zur Geschichte. Gerade hier sollen sich die Klingelmänner früher, besonders sonntags, gerne zum Klönschnack aufgehalten haben.

Die Glocke braucht heute niemand mehr, um zu erfahren, was in Wyk geschieht. Nachrichten erreichen uns jederzeit und überall. Doch die Klingelmänner erzählen von einer Zeit, in der Nachrichten noch mit einem Menschen verbunden waren, der durch die Straßen kam und die Bewohner zusammenbrachte.

Wer heute an der Mittelbrücke vorbeikommt, kann sich für einen Moment vorstellen, wie es damals gewesen sein muss: Ein paar kräftige Glockenschläge, Menschen bleiben stehen, Gespräche verstummen.

Und dann gibt es etwas Neues zu berichten.

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