- Dürfen wird diesen Text noch einmal verwenden? - JA
Was macht einen Aufenthalt an der Nordsee gesundheitlich so
positiv? Die Wissenschaft fasst die meteorologisch-klimatischen
Faktoren nach ihren Wirkungen auf die Organsysteme des Menschen
zu drei so genannten Wirkungskomplexen zusammen:
luftchemischer, thermisch-hygrischer und photoaktinischer Wirkungskomplex.
Interessanterweise stecken hinter diesen Begriffen
dieselben Dinge, die auch für den Urlaubsgast den Aufenthalt an
der See so attraktiv machen: Die saubere, frische Seeluft entlastet
die Atemorgane von den Reizgasen und Stäuben, denen sie in den
Ballungsgebieten auf dem Festland aus den verschiedensten Quellen
mehr oder weniger st.ndig ausgesetzt sind. Hinter dem Wort
thermisch-hygrischer Wirkungskomplex verbergen sich die Klimafaktoren,
die den W.rmehaushalt des K.rpers beeinflussen.
Die Wassermassen des Meeres sorgen für ausgeglichene Temperaturen
einerseits, doch der fast ständig wehende Wind, die häufig
wechselnde Bewölkung fordern andererseits den Organismus, sich
ständig an wechselnde thermische Bedingungen anzupassen. Dies
macht das Reizklima aus. Die Regulationsmechanismen, vor allem
die Regulation der Hautdurchblutung wird dabei trainiert, auf natürliche
Umweltreize angemessen zu reagieren, eine Fähigkeit, die
in der Alltagsumgebung zum Verkümmern neigt.
Die klimatischen Gegebenheiten in Verbindung mit den landschaftlichen
Reizen verleiten die meisten Menschen zu ausgedehnten oft
stundenlangen Spaziergängen am Strand. Eine reizvolle Möglichkeit,
dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken. Geringe körperliche
Aktivität kombiniert mit einseitiger Belastung, Anspannung
und Stress kennzeichnen für viele Menschen den Berufsalltag.
Mangelnde Bewegung ist heute als ein wesentlicher Risikofaktor
für eine Reihe von sogenannten Zivilisationserkrankungen erkannt
worden. Dagegen ist Spazierengehen am Meer ein idealer Ausgleich.
Gerade Untrainierte und Menschen, die keinen Sport treiben
mögen, werden beim zügigen Gehen am Strand recht genau
in dem Ausmaß beansprucht, wie es Internisten und Sportmediziner
zur Prävention empfehlen.
Das zeigen Messungen, die im Institut für Medizinische Klimatologie
durchgeführt wurden. Nach einem drei Wochen dauernden
Aufenthalt auf der Insel waren die untersuchten Personen bei Fahrradergometertests
objektiv leistungsfähiger. Dies ist sozusagen ein
messbarer Erholungseffekt. Das Klima hat hier positive Effekte:
Weil am Meer Hitze und vor allem Schwüle nur sehr selten vorkommen,
ist die Gefahr von Überlastungen entsprechend gering.
In dieser Hinsicht stellt das so genannte Reizklima geradezu einen
Schonfaktor dar. Wegen des fast stets wehenden Windes wird der
Organismus gekühlt. Unangenehmes Schwitzen wird vermieden.
Die Belastung wird subjektiv nicht als anstrengend empfunden. In
der kalten Jahreszeit animiert der Seewind geradezu zur Bewegung.
So kann man das ganze Jahr über Spaziergänger am Flutsaum
pilgern sehen, die vermutlich zum größten Teil nicht wissen,
dass sie etwas für ihre Gesundheit tun. Der dritte, der photoaktinische
Wirkungskomplex, umfasst die Wirkungen der Sonne, speziell
die der ultravioletten Sonnenstrahlung. Eigentlich zeichnet sich
Sylt wegen der Lage im hohen Norden auf etwa 55° nördlicher
Breite durch ein mildes UV-Strahlenklima aus.
Doch weil der kühlende Wind über die tatsächliche Stärke der
Strahlung hinwegtäuscht, ist die Gefahr, einen Sonnenbrand zu
erleiden, an der See fast das ganze Sommerhalbjahr über gegeben.
Man ist geneigt, sehr lange Zeit in der Sonne zu bleiben. Der
weite freie Horizont lässt die hautwirksame Ultraviolettstrahlung
ungehindert aus allen Richtungen des gesamten Himmelsgewölbes
einstrahlen. Ein weiterer Grund, warum man an der See so schnell
bräunt. Medizinisch spielt die UV-Strahlung vor allem in der Behandlung
von chronischen Hauterkrankungen wie der Schuppenflechte
und der Neurodermitis eine wichtige Rolle. Das Klima auf
Sylt kann in einem breiten Spektrum gesundheitlich genutzt werden,
von der medizinischen Therapie bis zum Gesundheitsurlaub,
Fitness und Wellness, was ja bedeutet, seine Leistungsfähigkeit zu
verbessern und sich wohlzufühlen. Die Anwendungen haben sich
in über 150 Jahren Bädergeschichte gewandelt. Die positiven Wirkungen
des Sylter Klimas auf die Gesundheit sind geblieben. Zum
Glück stimmen die Wirkfaktoren in vielen Punkten mit den natürlichen
Attraktionen der Insel, frischer Luft, Wind, Wasser und Sonne
überein - eine Tatsache, die es verdient, herausgestellt zu werden.
Prof. Carsten Stick,
Direktor des Institutes für Medizinische Klimatologie der Universität
Kiel, zu dem auch die Forschungsstation in Westerland gehört
Aus Ausgabe 24/2024