Wenningstedt-Braderup. Es gibt Schulen, über die man berichtet und es gibt Schulen, bei denen nach einem Besuch etwas hängen bleibt. Die Norddörferschule in Wenningstedt-Braderup gehört für uns inzwischen eindeutig zur zweiten Kategorie.
Rund 145 Schülerinnen und Schüler und etwa 20 Erwachsene gestalten hier gemeinsam ihren Lern- und Lebensraum. Die Schule selbst hat sich ein großes Ziel gesetzt: das Leben anzuregen und Kinder dabei zu unterstützen, sich möglichst frei zu entwickeln.
Solche Sätze stehen in vielen pädagogischen Konzepten. Entscheidend ist, was davon morgens im Klassenzimmer ankommt. Und genau dort beginnt das Bemerkenswerte.
Hausaufgaben heißen hier Übungszeit
Schon die Sprache verrät etwas über die Haltung. Klassische „Hausaufgaben“ gibt es so nicht, stattdessen wird von Übungszeit gesprochen. Dahinter steckt mehr als ein neuer Begriff. Lernen soll nicht einfach darin bestehen, Aufgaben mit nach Hause zu nehmen und abzuarbeiten.
Besonders beeindruckend ist, wie neue Kolleginnen und Kollegen eigene Ideen einbringen dürfen. Eine neue Lehrerin zeigt derzeit beispielhaft, wie viel entstehen kann, wenn pädagogische Freiheit auf Begeisterung für den Beruf trifft.
Sie entwickelt neue Abläufe und Lernmethoden, führt neue Begriffe ein und erarbeitet vieles spielerisch mit den Kindern. Lernmaterialien werden teilweise selbst gebastelt und Unterrichtsinhalte auf unterschiedlichen Wegen vermittelt. Kinder sollen erfahren: Nicht jeder muss auf dieselbe Weise lernen, um ans Ziel zu kommen.
Und auch diejenigen, die schneller sind, werden nicht einfach mit der nächsten Standardaufgabe beschäftigt. Sie erhalten zusätzliche Herausforderungen und werden entsprechend ihrer Möglichkeiten gefördert.
Lernen darf anders aussehen
Gerade das ist eine wichtige Botschaft. Ein Kind, das einen Rechenweg nicht versteht, braucht vielleicht einen anderen. Ein Kind, das eine Aufgabe längst beherrscht, braucht möglicherweise eine neue Herausforderung. Und manchmal hilft ein selbst gebautes Lernmaterial mehr als die nächste Seite im Arbeitsheft.
Das alles verlangt von Lehrkräften etwas, das sich kaum in einem Stundenplan abbilden lässt: Zeit, Kreativität, Eigeninitiative und echte Lust darauf, Kinder für das Lernen zu begeistern.
Diese Haltung begegnet einem an der Norddörferschule immer wieder. Auch außerhalb des Klassenzimmers. Beim Küstenschutzprojekt etwa standen die Kinder selbst am Strand, arbeiteten an Sandfangzäunen und lernten ganz praktisch, warum der Schutz der Dünen für ihre Insel wichtig ist.
Das ist Unterricht, der im Gedächtnis bleibt.
Herzlichkeit kann kein Lehrplan vorschreiben
Natürlich gibt es hervorragende und hoch engagierte Lehrerinnen und Lehrer auch an anderen Schulen. Darum geht es nicht. Was in Wenningstedt-Braderup jedoch besonders auffällt, ist die Kombination aus Herzlichkeit, Eigeninitiative, neuen Ideen und der erkennbaren Freude am Beruf.
Vor allem junge und neue Lehrkräfte mit eigenen Vorstellungen nicht auszubremsen, sondern ihnen Raum zum Gestalten zu geben, kann einer ganzen Schule guttun. Davon profitieren am Ende vor allem diejenigen, um die es eigentlich geht: die Kinder.
Die Norddörferschule nennt sich selbst eine Schulfamilie. Nach unseren Eindrücken ist das hier weit mehr als ein schönes Wort auf einer Homepage.
Dafür kann man tatsächlich nur sagen: Chapeau.
Nicht, weil hier jeden Tag alles perfekt sein muss. Sondern weil spürbar ist, dass Menschen versuchen, Schule jeden Tag ein bisschen besser, lebendiger und kindgerechter zu machen.
Davon darf es gerne mehr geben.