1.500 frisch gebackene Hefeherzen haben die Sylter Unternehmer in dieser Woche an Pendler verteilt. Gebacken wurde gemeinsam in der Backstube von Raffelhüschen, anschließend ging es am Morgen an die Bahnsteige. Die Botschaft war eindeutig: Anerkennung für Menschen, die Tag für Tag zwischen Insel und Festland unterwegs sind, obwohl Verlässlichkeit und Planbarkeit längst gelitten haben.
Im Sylter Journal auf RadioSylt.de sprach der Co-Vorsitzende der Sylter Unternehmer, Raphael Ipsen, über den Hintergrund der Aktion. Anlass ist die weiter gesunkene Pünktlichkeit der Marschbahn. Für Oktober wurde eine Quote von rund 48 Prozent genannt. Für Pendler bedeutet das Wartezeiten, Ausfälle und verpasste Anschlüsse – mit spürbaren Folgen für Beruf, Familie und Alltag.
Ipsen machte deutlich, dass es nicht um ein einmaliges Symbolfoto ging. Die Hefeherzen sollten Wertschätzung ausdrücken. In der Sendung wurden sehr unterschiedliche Reaktionen geschildert: anfängliche Skepsis, Dankbarkeit und auch emotionale Momente. Nicht das Gebäck stand im Vordergrund, sondern das Gefühl, wahrgenommen zu werden.
Pendeln als Dauerstress
Im Gespräch ging es um mehr als eine Aktion. Verspätungen greifen tief in das Privatleben ein. Kinder abholen, Arzttermine, Pflege von Angehörigen oder Verabredungen werden schwierig, wenn unklar bleibt, ob und wann ein Zug fährt. Diese Unsicherheit zermürbt viele Betroffene.
Ein zentraler Kritikpunkt blieb die Kommunikation der Bahn. Verspätungen und Ausfälle werden häufig sehr spät angezeigt. Züge gelten lange als pünktlich, bevor sich die Minuten hochzählen und schließlich ein Ausfall steht. Für Reisende bedeutet das verlorene Zeit und neue Kettenreaktionen im Alltag. Der Vorwurf: Die Bahn weiß vieles früher, informiert aber zu spät.
Was Arbeitgeber tun können
Das Gespräch blieb nicht beim Ärger stehen. Betriebe versuchen, den Druck abzufedern. Flexible Arbeitszeiten sind vielerorts zur Notwendigkeit geworden. Wer pendelt, soll kommen können, wenn er ankommt. Kleine Teamrituale sollen zusätzlich Stabilität geben. Gleichzeitig gibt es Grenzen: Wer auf dem Festland vergleichbare Jobs mit besserer Planbarkeit findet, verlässt die Insel. Das verschärft den Fachkräftemangel weiter.
Kiel: Betriebsräte machen den Ernst sichtbar
Brisant wurde der Blick nach Kiel. Dort trafen sich Wirtschaftsvertreter und Betriebsräte von Sylt mit der Landesregierung. Besonders eindrücklich waren die Schilderungen aus dem Alltag der Beschäftigten. Die Marschbahn wurde als alternativlose Lebensader beschrieben. Fällt sie aus, geraten Arbeit, Schule, medizinische Versorgung und Handwerk ins Stocken. Auch wenn die Zuständigkeit beim Bund liegt, wird vom Land mehr Koordination und politischer Druck erwartet.
Diskutiert wurden kurzfristige Hebel: entzerrte Trassen in den Stoßzeiten, schnellere Störungsbeseitigung sowie besser verfügbare Einsatzteams und Ersatzteile entlang der Strecke. Ziel ist ein robusteres System, das kleine Störungen verkraftet, ohne sofort zu kippen. Auch die Rolle der Autozüge und mögliche Priorisierungen im Pendlerverkehr waren Thema.
Streitpunkt Keitum: Pendlerparkplatz und Unterstände
Neben dem Bahnverkehr ging es um konkrete Infrastruktur auf der Insel. Fehlende Unterstände an Bahnhöfen und die Parkplatzsituation in Keitum sorgen seit Jahren für Diskussionen. Eine Erweiterung des Pendlerparkplatzes gilt als dringend notwendig, stößt jedoch weiterhin auf Widerstände, obwohl private Lösungen möglich wären.
Ein Alltagsbeispiel zeigte, wie persönliches Interesse und Gemeinwohl kollidieren können. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass bei Pendlerlösungen das Gesamtinteresse der Insel schwerer wiegen muss als einzelne Befindlichkeiten.
Marschbahn als Pro-Sylt-Thema
Am Ende stand eine klare Leitlinie: Die Insel funktioniert nur, wenn Menschen verlässlich hin- und herkommen. Pendler halten Betriebe am Laufen, sichern Versorgung und Bildung. Die Aktion mit den Hefeherzen ist kein PR-Gag, sondern Ausdruck einer wachsenden Belastung. Die Marschbahn bleibt ein zentrales Pro-Sylt-Thema – und ein entscheidender Faktor für die Zukunft der Insel.
Das Sylter Journal läuft freitags um 18 Uhr auf RadioSylt.de, Wiederholungen gibt es am Samstag und Sonntag jeweils um 18 Uhr. Moderiert wird die Sendung von Conny Reckert und Frank Bremser. Die Ausgabe mit Raphael Ipsen setzte kurzfristig den Schwerpunkt Marschbahn; ein geplanter Gast wurde auf die kommende Woche verschoben.
Fotos: Sylter Unternehmer